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4. Juli 2022

Einsatz im Stadion

Fußball ist seine Leidenschaft

Ein Notfall in seiner Jugend weckte seine Passion für die Medizin. Heute leitet Dr. Wolfgang Molnár ein Primärversorgungszentrum in Wien und betreut als Teamarzt die Kampfmannschaften des Fußballvereins Vienna. Welche Höhen und Tiefen mit dieser beruflichen Aufgabe verbunden sind, erzählt er im Gespräch mit ALLGEMEINE+.

Die Naturarena Hohe Warte im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling ist nicht nur ein sehr idyllisch gelegenes Fußballstadion, sie ist auch ein Platz mit abwechslungsreicher Vergangenheit: Seit dem Jahr 1896 fungiert die riesige Grünfläche als Fußballplatz des First Vienna FC. Im Jahr 1921 wurde das Stadion auf der Hohen Warte eröffnet, es fasste bis zu 80000 Zuseher und war damit damalsdas größteStadion in Kontinentaleuropa. Aber auch sonst sorgte die Sportstätte in dieser Ära für Schlagzeilen: In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden auf dem Rasen nicht nur alle Ländermatches der Nationalmannschaft ausgetragen, sondern auch Opernklassiker in opulenter Umsetzung aufgeführt. Dort, wo vor knapp 100 Jahren auf einer 50 Meter breiten Bühne bis zu 700 Komparsen sowie Kamele und Elefanten als effektheischende Staffage auftraten, liegt heute das Betätigungsfeld von Dr. Wolfgang Molnár. Seit 2008 ist der passionierte Allgemeinmediziner „nebenberuflich“ als Haus- und Teamarzt der Vienna-Fußballer tätig und betreut in dieser Funktion gemeinsam mit seinem Kollegen und „Kniespezialisten“ Prof. Dr. Andreas Janousek sowohl das Herren- als auch das Damenteam.

01 Das Damenteam des FC Vienna spielt in der obersten Fußballliga Österreichs, dem Herrenteam gelang im Mai 2022 der Aufstieg in die 2. Liga

Vom Schockmoment zum Medizinstudium

Die Fußballleidenschaft wurde Molnár gleichsam in die Wiege gelegt. Bereits im Kindesalter war der Mannschaftsarzt mit seinem Vater bei den Spielen der Vienna auf der Hohen Warte „live“ dabei: „Mir hat die faire Stimmung bei den Matches schon immer imponiert. Auch nach einer hohen Niederlage werden die Spieler nicht ausgepfiffen, sondern von den Fans aufgemuntert.“ Ein paar Jahre später wurde beim jugendlichen Wolfgang zudem die Leidenschaft für die Medizin geweckt. Anlass dafür war ein dramatisch klingendes Erlebnis,das er im Alter von 15 Jahren hatte: „Ich habe meinen Vater bewusstlos am Boden vorgefunden und hilflos und panisch reagiert. Gott sei Dank war es ‚nur‘ ein Kreislaufkollaps, aber damals habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder in eine solche Situation kommen will, in der ich nicht helfen kann.“

Gesagt, getan: Nach der Matura setzte Molnár sein Vorhaben um und inskribierte an der Medizinischen Universität Wien. Beinahe wäre er allerdings seiner Berufung zum Hausarzt mit Leib und Seele abtrünnig geworden, da er als engagierter Turnusarzt auch noch seine Passion für die Chirurgie entdeckte: „Ich hatte damals das Glück, im Turnus Blinddarmentzündungen und Leistenbrüche operieren zu dürfen.“ Zusätzlich war er als Notarzt für das Rote Kreuz im Einsatz: „Das war Action pur und hat mich sehr geprägt. Es gibt nichts Schöneres, als Leben zu retten. Aber letzendlich wollte ich nicht auf ein Fachgebiet beschränkt sein und habe mich dann bewusst für die Allgemeinpraxis entschieden.“

Wenn der Zufall Regie führt

Zufall oder einfach Schicksal, manchmal eröffnet sich der richtige Weg ganz von allein. So war es auch, als Molnár gegen Ende seines Turnus aufgrund einer Empfehlung einer Spitalskollegin die Anfrage erhielt, ob er eine Hausarztpraxis in Wien-Leopoldstadt übernehmen wolle. „Ich habe mir die Räumlichkeiten angesehen und wusste sofort: Es ist Liebe auf den ersten Blick.“ Am 1. Juli 1986 war es dann soweit – es fielen gleich zwei Glücksmomente zusammen: „An diesem Tag ist mein Sohn um zwei Uhr früh auf die Welt gekommen und ich habe ein paar Stunden später meine Ordination eröffnet.“ Heute bildet Molnár als Allgemeinmediziner selbst Turnusärzte aus und versucht, seine Leidenschaft für den Beruf an die nächste Generation weiterzugeben. Dem Gemeindebezirk und seinen Patienten ist er treu geblieben, sein Primärversorgungszentrum mit mittlerweile 25 Mitarbeitern befindet sich am Wiener Augarten.

Pendler zwischen Ordination und Fußballstadion

Szenenwechsel, zurück auf die Hohe Warte, weiter zur nächsten Berufung und zum nächsten „Zufall“: „Ein befreundeter Unfallchirurg hat mich 2008 darauf angesprochen, dass beim Fußballverein Vienna ein Allgemeinmediziner als seine Vertretung als Teamarzt gesucht würde. Ich habe früher selbst Fußball gespielt und liebe diesen Sport, daher habe ich nicht lange überlegt.“ Mit besagtem Kollegen, Prof. Dr. Andreas Janousek, seines Zeichens Unfallchirurg und Sporttraumatologe, teilt sich Molnár seither die Betreuung der Kampfmannschaft: „Bei den Heimspielen bin ich fast immer dabei, bei den Auswärtsspielen wechseln wir uns ab.“ Auf der Spielerbank zu sitzen, hautnah am Geschehen zu sein, die Arbeitsweisen der verschiedenen Trainer mitzuverfolgen, das macht laut Molnár die große Faszination dieser Tätigkeit aus. Und zwischendurch muss er natürlich auch Hand anlegen: „Prellungen, Bänderverletzungen, Gehirnerschütterungen, Cuts und weitere kleinere und größere Blessuren stehen zwar Gott sei Dank nicht an der Tagesordnung bei Fußballspielern, passieren aber doch mit einiger Regelmäßigkeit.“ Da verwundert es auch nicht, dass Molnár seine Schützlinge auch abseits des Fußballfelds betreut. Unter anderem mittels Akupunktur, auf deren Wirksamkeit er sich schon unzählige Male verlassen hat: „Klassische Indikationen dafür sind Kopf-, Gelenks- und Muskelschmerzen, aber auch bei Neuralgien wirken die Nadeln sehr gut.“

Vienna: von Höhen und Tiefen am Fußballfeld

02 Große Freude über den Meistertitel 2022 in der Regionalliga Ost (v.l.): Spieler Tomas Simkovic, Dr. Wolfgang Molnár und Jiri Lenko, Kapitän der Meistermannschaft

Molnárs Stammverein, der First Vienna FC 1894, ist der älteste Fußballclub Österreichs: Als Gründungsmitglied der ersten offiziellen Meisterschaft in der Auftaktsaison 1911/12 hielt er sich insgesamt 68 Saisonen in der höchsten österreichischen Spielklasse und konnte sich seither immerhin sechs Mal als Meister der obersten Liga feiern. Nach vielem Auf und Ab geriet der Verein 2017aufgrund der Insolvenz des Hauptsponsors und wegen unglücklicher Management-Entscheidungen in finanzielle Schwierigkeiten. Der Konkurs konnte zwar gerade noch abgewendet werden, der Meistertitel in der Regionalliga Ost in der Saison 2016/17 blieb dadurch allerdings unbelohnt. Der Aufstieg in die nächsthöhere Liga wurde verwehrt, und es kam noch schlimmer: Per Gerichtsentscheid wurde die Vienna während der Saison 2017/2018 in die 2. Wiener Landesliga strafversetzt. Doch der Teamgeist blieb ungebrochen: In den Folgesaisonen gelang den „Blau-Gelben“ kontinuierlich der Wiederaufstieg in die jeweils höhere Spielklasse, im Mai 2022 schaffte die Elf von Chefcoach Alexander Zellhofer schließlich den Meistertitel in der Regionalliga Ost und damit auch den ersehnten Aufstieg in die 2. Liga. Molnárs Freude darüber ist nicht zu überhören: „Nach dem Zwangsabstieg 2017 in die fünfte Liga kehren wir nach acht Jahren endlich wieder in die zweithöchste Spielklasse zurück.“

Mitfiebern und mitfeiern

Parallel zu seinen sportlichen Aufgaben fieberte der Teamarzt natürlich bei allen diesen Entscheidungsspielen mit. Auch bei denender von ihm betreuten Damen-Kampfmannschaft, die in den vergangenen Jahren beachtlich gepunktet hat. Das 2012 neu formierte Frauenteam spielt seit der Saison 2020/21 in der höchsten Spielklasse Österreichs: „Gott sei Dank wieder vor Publikum“, wie Molnár betont. „Ohne anfeuernde Fans ist es einfach kein richtiges Fußballspiel, da kommt keine Stimmung auf.“

03 Dr. Molnàr (links) neben Mario Kempes, der 1978 als Spieler mit Argentinien Fußballweltmeister wurde und dann seine Karriere bei der Vienna als Trainer ausklingen ließ, neben ihm Ex-Trainer Alfred Tatar

Stichwort „Stimmung“: Passionierte Fußballfans wissen es natürlich aus eigener Erfahrung – manchmal geht die gute Stimmung im Stadion sogar so weit, dass selbst banale Regeln des guten Benehmens außer Acht gelassen werden. Daraus resultiert auch eine weniger rühmliche Begebenheit in Molnárs Laufbahn als Teamarzt, die der Arzt mit gelassener Selbstironie und einem Augenzwinkern offenbart: „Bei einem Spiel vor einigen Jahren hat der Schiedsrichter so offensichtlich gegen unsere Mannschaft gepfiffen, dass die Stimmung absolut ins Negative gekippt ist. Ich bin bei einer der vielen Fehlentscheidungen – wie alle anderen auch – von der Betreuerbank aufgesprungen und habe dabei wenig schmeichelhafte Worte in seine Richtung geschrien.“ Leider hielt sich der adressierte Schiedsrichter in diesem Moment in Hörweite auf und konnte Molnárs Schimpftirade trotz der lautstarken allgemeinen Empörung im Fansektor deutlich vernehmen: „Daraufhin wurde ich von ihm kurzerhand von der Betreuerbank verwiesen und mit einer Geldstrafe belangt.“ Seither zügelt der Teamarzt seine Emotionen – nicht aber seine Leidenschaft für den Fußball und für „seine“ Vienna.

Ein weiteres Standbein: die Betreuung von Emigranten

Vom Fußballplatz wieder retour zu Molnárs Hauptwirkstätte: Zusätzlich zu seinen Aufgaben als Haus- und Fußballarzt ist er nämlich – wieder durch Zufall – seit 2001 auch „Visamedical Head Panel Physician“ für die USA, Kanada, Australien und Neuseeland. In diesem Zusammenhang hat der Mediziner nichts mit der Kreditkartenfirma ähnlichen Namenszu tun, sondern vorwiegend mit den Visaanträgen von Emigranten und Flüchtlingen, die in die genannten Staaten auswandern möchten: „Jeder, der für diese Länder ein Visum beantragt beziehungsweise dorthin auswandern möchte, benötigt dafür abschließend ein ärztliches Attest.Die Untersuchung zu diesem Zweck wird in unserer Ordination in Extra-Räumlichkeiten durchgeführt.“ Im Moment betrifft das vor allem ukrainische Staatsbürger, die vor dem unfassbaren Krieg in ihrem Heimatland geflüchtet sind: „Derzeit untersuchen wir rund 40 bis 50 Menschen pro Woche, die sich um ein Visum für ein Land auf einem anderen Kontinent bemühen.“

Sich von den persönlichen Schicksalen, die mit diesen Anträgen verbunden sind, abzugrenzen fällt naturgemäß schwer, selbst nach mehr als 20 Jahren in dieser Funktion, wie Molnár betont: „Im Laufe der Zeit haben wir so einige Menschen gesehen, die wegen ihrer religiösen oder politischen Gesinnung gefoltert worden sind etwa Brandwunden an den Fußsohlen hatten –, oder auch Kinder, die in der Schule verprügelt worden sind.“ Was Molnár und seine Mitarbeiter zumindest tun können, ist, den Emigranten einen Teil des großen bürokratischen Aufwands abzunehmen, der mit den Ansuchen verbunden ist: „Wir haben ein eingespieltes Team, da funktioniert das mittlerweile sehr gut.“

Interdisziplinäre Betreuung im Primärversorgungszentrum

Seit der Praxiseröffnung 1986 ist Wolfgang Molnár wie bereits erwähnt im „Grätzl“ geblieben. Nach der Gründung einer Gruppenpraxis für Allgemeinmedizin im Jahr 2016 gemeinsam mit seiner Frau Ivana wurde im Jänner 2021 schließlich in der Nähe des Augartens das Primärversorgungszentrum MEDIZIN AUGARTEN eröffnet: Neben derzeit zehn Allgemeinmedizinern und vier Fachärzten werden die Patienten bei Bedarf von einer Klinischen Psychologin, einem Psychotherapeuten, einer Diätologin, einer diplomierten Krankenschwester mit Schwerpunkt Wundmanagement, einem Physiotherapeuten und einer Sozialarbeiterin betreut – ganz im Sinne des „Social Prescribing“: „Mit diesem Team macht das Arbeiten noch mehr Spaß. Es ist schön, zu sehen, wie sehr unsere Patienten von diesem erweiterten Angebot profitieren.“ Als prekäres Einsatzgebiet nennt der Arzt das immer öfter auftretende Problem des Übergewichts bis hin zur Adipositas: „Da konnte ich meinen Patienten früher nur raten, eine Diätologin für eine Ernährungsberatung zu konsultieren – was dann viele aus verschiedenen Gründen nicht gemacht haben. Jetzt kann ich den Patienten gleich einen zeitnahen Termin bei unserer Ernährungswissenschaftlerin in den vertrauten Praxisräumlichkeiten anbieten – was sehr gut angenommen wird.“ Um dieses Angebot der interdisziplinären Betreuung auch in der Zukunft gewährleisten zu können, arbeitet der passionierte Allgemeinmediziner gerade daran, die nächste Generation der Kollegenschaft auf die Nachfolge vorzubereiten: „Ich bin jetzt 64 und möchte mein Arbeitspensum in der Ordination in den kommenden Jahren sukzessive reduzieren.“ Kein Problem mit einem Team, das sich von der Leidenschaft ihres „Chefs“ anstecken lässt. Das „Zuckerl“ als Fußballarzt möchte der vielseitige Mediziner allerdings definitiv noch nicht abgeben: „Jetzt, da die Vienna in die 2. Liga aufgestiegen ist, werde ich mit noch mehr Begeisterung als Teamarzt dabei sein. Ich bin wirklich stolz auf die Burschen und freu mich schon sehr auf die kommende Spielsaison.“

Bericht:

Mag. Andrea Fallent

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