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23. Februar 2022

Demenz

Psychosoziale Versorgung in der Praxis

Demenz wird in den kommenden Jahren wohl die größte Herausforderung in der psychosozialen Versorgung der Gesellschaft darstellen. Hier gilt es dringend, gemeinsam die richtigen und notwendigen Schritte zu setzen.

Dr. Georg Psota
Dr. Georg Psota

Warum soll sich ein Allgemeinmediziner mit einer psychiatrischen Erkrankung wie der Demenz beschäftigen? Aus mehreren extrem relevanten Gründen. Zunächst, weil dank des allgemeinen medizinischen Fortschritts und der allgemein besseren Lebensbedingungen die durchschnittliche Lebenserwartung immer stärker ansteigt. Das ist grundsätzlich gut. Doch damit geht auch ein Anstieg von Krankheiten, die nicht übertragbar und vor allem bei älteren Menschen typisch sind, einher. Zu diesen zählt die Demenz.

Demenz wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu einer der größten Herausforderungen in der medizinischen Versorgung werden. Studien aus dem Jahr 2015 gehen davon aus, dass sich die Zahl der Menschen in Österreich, die an einer demenziellen Erkrankung leiden, von 90500 im Jahr 2000 auf 262200 im Jahr 2050 erhöhen wird. Die Neuerkrankungen an Demenzen werden in Österreich von 23600 im Jahr 2000 auf voraussichtlich 65500 im Jahr 2050 steigen.1

Bei diesen Herausforderungen stehen die Allgemeinmediziner im Mittelpunkt. Denn sie sind es, denen sich die Patienten zuerst anvertrauen und ihre Sorgen und Ängste in Bezug auf Vergesslichkeit und Verwirrtheit mitteilen. Und wie bei fast allen Krankheiten gilt bei der Demenz umso mehr: Je früher sie erkannt wird, desto besser für die Patienten.

Auch wenn es bisher kein Heilmittel gegen Demenz gibt, können körperliche Aktivität und Gedächtnistraining die Erkrankung verlangsamen. Außerdem stehen zum gleichen Zweck auch Medikamente zur Verfügung. All dies wirkt umso effektiver, je früher die Krankheit erkannt wird.

Abb. 1:Uhrentest – der Patient zeichnet eine Uhr, die 11:10 anzeigt

Herausforderung Covid-19

Hinzu kommen die Herausforderungen, die sich durch die mittlerweile seit zwei Jahren bestehende Pandemie ergeben. Bei vielen psychischen Erkrankungen gilt der soziale Kontakt als entscheidende Grundlage, eine Krankheit zu vermeiden oder deren Auswirkungen zu verringern. Fehlende soziale Kontakte und geringere Strukturen verstärken die Gefahr einer psychischen Erkrankung. In diesem Sinne wird uns Covid noch lange beschäftigen. Erste Studien weisen darauf hin, dass die Folgen, gerade auch im psychischen Bereich, enorm sein werden. Eine Untersuchung von Maxime Taquet zeigte, dass bei mehr als einem Drittel der über 230000 untersuchten ehemaligen Covid-19-Erkrankten neurologische oder psychiatrische Folgeerscheinungen auftraten. Bei 12,8% trat eine solche erstmals in Erscheinung.2 Darüber hinaus berichten 82% der Personen mit Demenz von einer Verschlechterung ihrer Symptome. Hinzu kamen vermehrte Fällen von Delir, einer Bewusstseinsstörung, die in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert werden konnte. Als wichtigste Maßnahme gilt dabei die Verhinderung von Isolation. Covid-19 hat diese Bemühungen rückgängig gemacht.3

Herausforderung Pflege

Doch Demenz ist mehr als eine – und zukünftig wahrscheinlich die – Herausforderung für die Medizin. Es ist vor allem auch eine Herausforderung für die Pflege. Und hier wiederum für Angehörige von demenzkranken Personen. Denn: Vier von fünf Demenzkranken leben zu Hause und werden auch dort gepflegt. In 75% der Fälle übernehmen dies Familienangehörige, die selbst zu zwei Dritteln bereits über 60 Jahre alt sind. Hinter diesen vielen Zahlen stecken Menschen und Schicksale. Keine Seltenheit sind Aussagen wie: „Ich musste meinen Job aufgeben, um mich um meinen Partner zu kümmern. Ich habe mich sehr gerne um meine große Liebe gekümmert, aber während ich von meinem Job nach acht Stunden nach Hause gehen konnte, ist das Pflegen ein 24-Stunden-Job. Es gibt keine Auszeit.“ Die Pflege demenzkranker Menschen gilt als besonders belastend. Umso wichtiger ist es, das Umfeld bereits ab der Diagnose und Behandlung einzubeziehen. Denn pflegende Angehörige haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst physisch oder psychisch zu erkranken.

Abb. 2:Erweitertes sozialpsychiatrisches Achsenmodell (nach Kalousek, Psota & Sepandj)

Anzeichen und Diagnose

Wie bei vielen psychischen Krankheiten erkennen die Patienten selbst oder das nahe Umfeld Anzeichen einer Demenz. Zeigen sich Hinweise auf kognitive Leistungsbeeinträchtigungen, Beeinträchtigungen in den alltäglichen Verrichtungen oder kommt es zu Persönlichkeitsveränderungen, ist eine Diagnose sinnvoll. Anhand der Syndromdiagnose, die Eigenanamnese, Fremdanamnese, einen psychopathologischen Befund, körperliche Untersuchungen sowie kognitive Kurztests umfasst, kann eine Demenzdiagnose inklusive des Schweregrades ermittelt werden. Ein einfacher Test, um ein möglichst frühes Erkennen einer Demenzerkrankung zu unterstützen, ist der sogenannte Uhrentest, bei dem die Gedächtnisleistung und die Raumwahrnehmung überprüft werden (Abb. 1). Der Vorteil dieses Tests liegt in der Einfachheit, der Kürze und in der relativen Unabhängigkeit von Sprache und Kultur.

Behandlung demenzkranker Menschen

Die Behandlung von Demenzerkrankungen muss eine Vielzahl verschiedener Faktoren und Maßnahmen beinhalten. Dabei fließt nach dem erweiterten sozialpsychiatrischen Achsenmodell (Abb. 2) für die Versorgung das psychiatrische und somatische Zustandsbild ebenso ein wie die Wohnsituation und die Tagesstruktur. Darüber hinaus spielen Angehörige oder professionelle Helfer sowie ethische und rechtliche Aspekte eine entscheidende Rolle.

Während die ersten Punkte rasch schlüssig und einleuchtend erscheinen, wird der letzte Punkt, die ethischen und rechtlichen Aspekte, häufig vernachlässigt, obwohl sie einen entscheidenden Anteil am Behandlungserfolg haben. Denn hier müssen Fragen nach der Wahrung der menschlichen Würde und dem Respekt vor dem Autonomiebedürfnis der Patienten gestellt werden.

Aber es geht auch um die richtige Beurteilung des Pflegebedarfs, eine besonders herausfordernde Frage, spielen doch hier auch finanzielle Interessen eine gewichtige Rolle.

Fazit

Demenz ist eine komplexe Erkrankung, die eine Vielzahl von Variablen im Blick haben muss. Aufgrund des erwartbaren massiven Anstiegs der Erkranktenzahlen, der nun auch zusätzlich hinzukommenden Herausforderungen der Pandemie sowie der großen Bürden, denen die pflegenden Angehörigen oftmals ausgesetzt sind, gilt es, hier die Kräfte zu bündeln und alle möglichen Maßnahmen zu setzen, um die Gesellschaft im Umgang mit der Demenzerkrankung zu stärken.