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15. August 2022

MR Dr. Johannes Steinhart im Interview

„Es gibt eine Menge Schrauben, an denen man drehen muss“

Der neue Präsident der Österreichischen Ärztekammer setzt sich für die Attraktivierung des Arztberufes ein. Im niedergelassenen Bereich gebe es eine Reihe von Baustellen, betont MR Dr. Johannes Steinhart im Gespräch mit ALLGEMEINE+.

Am 24. Juni 2022 hat die Vollversammlung der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) MR Dr. Johannes Steinhart zum neuen Präsidenten gewählt. Damit trat Steinhart auch auf Bundesebene die Nachfolge von Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres an. Im Interview mit ALLGEMEINE+ spricht er über seine vorrangigen Agenden: den Abbau der Bürokratie in der Kassenmedizin, attraktivere Arbeitsmodelle für Allgemeinmediziner*innen und einen einheitlichen Honorar- und Leistungskatalog.

Herr Dr. Steinhart, eines Ihrer großen Vorhaben wird wohl die Attraktivierung der Allgemeinmedizin, insbesondere der Landmedizin, sein müssen?

J. Steinhart: Absolut. Und es gibt hier eine Menge Schrauben, an denen man drehen kann und muss: attraktivere Arbeitsmodelle, die dem entsprechen, was junge Ärzt*innen von ihrem Beruf erwarten, zum Beispiel. Dazu kommen der Abbau von Degressionen und Deckelungen, die den Kassenärzt*innen quasi Handschellen bei ihrer Arbeit anlegen, der Facharzt für Allgemeinmedizin, ein deutliches Zurückfahren des bürokratischen Wildwuchses – die Ansatzpunkte sind zahlreich und wurden von uns auch immer wieder betont. Aber wenn wir von der ÖGK-Spitze weiterhin nur Zwangsfantasien und Attacken auf die Wahlärzt*innen als Antwort bekommen, dann wird sich der negative Trend sicher fortsetzen. Leider macht es den Eindruck, dass die ÖGK immer noch nicht versteht, welch großen Schaden sie ihren Versicherten zufügt. Ich habe hier aber vollstes Vertrauen in meinen Nachfolger als Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Edgar Wutscher ist ein erfahrener Verhandler und unerbittlicher Streiter für die Interessen der niedergelassenen Ärzteschaft.

Wie soll die von der Ärzteschaft heftig kritisierte Bürokratie in der Kassenmedizin abgebaut werden?

J. Steinhart: Ein Schritt in die richtige Richtung war zum Beispiel das Aussetzen des überbürokratischen Zeitfressers namens Arzneimittelbewilligungs-System (ABS) mit Beginn der Covidpandemie. Wir werden uns dafür einsetzen, dass dieses überflüssige Werkzeug im Museum bleibt. Weiters konnten wir ja vertraglich absichern, dass im Bereich E-Medizin keine Innovationen mehr eingeführt werden, zu denen die Ärztevertretung nicht ihr ausdrückliches Einverständnis gegeben hat. Das heißt, dass nichts eingeführt werden kann, ohne dass für uns die entsprechende Usability für die Ärzt*innen gegeben ist, die tagtäglich damit arbeiten müssen. Ärzt*innen wollen sich um ihre Patient*innen kümmern und nicht um das Ausfüllen von Dokumenten.

Welche Überlegungen müssen in einen möglichen neuen, bundesweit einheitlichen Leistungs- und Honorarkatalog einfließen?

J. Steinhart: Ein einheitlicher Leistungskatalog liegt der ÖGK mittlerweile schon seit fast zwei Jahren vor. Die Herkulesaufgabe, diesen zu erarbeiten, haben wir Ärzt*innen in jahrelanger harter Arbeit in Eigenregie vollbracht. Die ÖGK müsste nun endlich einmal ihrem Design als Österreichische Gesundheitskasse gerecht werden – diese Umstellung mussten sich die Steuerzahler*innen ja auch einiges kosten lassen, wie wir jetzt bestätigt bekommen haben. Im Fokus muss natürlich eine österreichweite Harmonisierung stehen. Ich kann doch heute niemandem mehr ernsthaft erklären, warum der Nachbar, der auf einer Straßenseite wohnt, eine Untersuchung bezahlt bekommt und sein Vis-à-vis, der zufällig auf der anderen Seite der Bundeslandgrenze lebt, nicht. Das ist weder den Patient*innen noch den Ärzt*innen zumutbar. Sobald die Leistungen einmal harmonisiert sind, kann man dann auch die Honorare angehen, wo an einer Harmonisierung im oberen Bereich für uns kein Weg vorbeiführt.

Glauben Sie, dass eine zunehmende Pauschalierung der Honorare die medizinische Qualität und Effizienz im niedergelassenen Bereich steigern kann?

J. Steinhart: Nein, das glaube ich nicht. Wir müssen auch endlich wegkommen von dieser ausgabenorientierten Betrachtung und hin zu einer bedarfsorientierten Sichtweise kommen. Wir müssen den Ärzt*innen die Möglichkeiten und die Zeit geben, damit sie ihre Patient*innen optimal versorgen können. Niemand von uns hat diesen Beruf ergriffen, um in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Patient*innen abzuarbeiten. Medizinische Qualität bedeutet für mich bestmögliche Versorgung und auch eine gewisse Redundanz im Gesundheitssystem. Natürlich kostet das Geld, doch Investitionen in diesem Bereich sind das Klügste, das ein Staat überhaupt machen kann, ganz besonders dann, wenn das Budget eng wird. Gerade im präventiven Bereich liegt aktuell vieles durch das aktuelle Kassen- und Honorierungssystem einfach brach. Denken wir etwa an Ernährungsberatung, das ist ein aufwendiger und komplexer Prozess, der Zeit und ausgiebige Gespräche mit den Patient*innen braucht. Das ist aktuell im Ordinationsalltag aber quasi unmöglich, das heißt, notwendige Präventionsmaßnahmen können nicht gesetzt werden, stattdessen werden ungleich kostspieligere und für die Patient*innen deutlich bedrohlichere Folgeschäden in Kauf genommen. Das kann doch aus keiner Sicht irgendeinen Sinn ergeben – weder medizinisch noch gesundheitspolitisch und auch nicht ökonomisch.

Welche Bedeutung haben ärztliche Hausapotheken für die Versorgungswirksamkeit der Landmedizin? Wie könnte das Angebot ausgebaut werden – etwa durch die Ermöglichung von Hausapotheken in allen Ein-Arzt-Gemeinden unabhängig von der Entfernung der nächsten öffentlichen Apotheke?

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„Medizinische Qualität bedeutet für mich bestmögliche Versorgung und auch eine gewisse Redundanz im Gesundheitssystem.“

J. Steinhart: Die ärztliche Medikamentenabgabe ist ein wesentlicher Punkt der medizinischen Versorgung – gerade auf dem Land. Patient*innen haben oft gar keine andere Möglichkeit, zeitnah zu ihrem Medikament zu kommen, das sie dringend brauchen. Man kann doch von kranken Menschen nicht verlangen, dass sie sich in den Postbus setzen, um zur nächsten Apotheke zu kommen – immer vorausgesetzt, es gibt überhaupt noch einen Postbus und die Apotheke hat überhaupt noch geöffnet. Dazu kommt noch das Argument des Klimaschutzes, das aktuell wichtiger wird denn je. Einer Linzer Studie zufolge sparen Hausapotheken jährlich 71 Millionen zusätzliche PKW-Kilometer und über 14000 Tonnen CO2. Ich spreche mich daher klar für eine Stärkung der Hausapotheken aus, auf jeden Fall muss Schluss damit sein, dass ständig Hausapotheken zugesperrt oder in letzter Sekunde verhindert werden, weil öffentliche Apotheken mit teils absurden Winkelzügen die Kilometergrenze ausreizen. Daher werde ich auch für die Abschaffung der Kilometergrenze kämpfen – dieses anachronistische Relikt hat im 21. Jahrhundert nichts mehr verloren und in diesem Punkt wissen wir ja auch die Bundeswettbewerbsbehörde hinter uns.

Ist die Ausgestaltung der Primärversorgungseinheiten (PVE) in den Bundesländern aus Ihrer Sicht geeignet, den sogenannten Ärztemangel zu mildern?

J. Steinhart: Primärversorgungseinheiten sind ein Baustein im Kampf gegen den Ärztemangel, aber kein Allheilmittel. Da braucht es wie schon erwähnt ein ganzes Bündel von Maßnahmen und auf organisatorischer Ebene ein Zusammenspiel von klassischen Arztpraxen, Gruppenpraxen und PVE. Punktuell sind PVE sicher ganz besonders sinnvoll, wenn wir zum Beispiel an die Kinder- und Jugendheilkunde in Wien denken. Hier hat die Ärztekammer bereits ein fertiges Konzept ausgearbeitet, weil wir überzeugt sind, dass es angesichts der chronischen Unterversorgung dringend geboten ist, für junge Kinderärzt*innen die Hemmschwelle abzubauen, eine Kassenordination zu gründen, weil Last und Risiko auf mehrere Köpfe aufgeteilt werden können. Auch hier liegt der Ball nun klar bei der ÖGK.

Welchen Stellenwert hat das allgemeine Dispensierrecht innerhalb Ihrer Agenda?

J. Steinhart: Gegen das allgemeine Dispensierrecht für alle Ärzt*innen gibt es aus meiner Sicht keinen vernünftigen Grund. Patient*innen wünschen sich weniger unnötige Wege und maximale Diskretion, die nur Vertrauensärztin oder Vertrauensarzt bieten können. Aufklärung, Beratung und Abgabe aus einer kompetenten Hand ist daher auf meiner Agenda ein sehr großes Ziel, denn es wäre ein großes Plus für die Patient*innen. Auch Therapietreue, Arzt-Patienten-Beziehung und Patientensicherheit würden dadurch gestärkt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Unser Gesprächspartner:

MR Dr. Johannes Steinhart
Präsident der Österreichischen Ärztekammer
E-Mail: post@aerztekammer.at

Das Interview führte

Mag. Markus Lechner

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